Sozialwerk Stukenbrock
Projekt der Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne

Der Ort - Geschichtlicher Überblick

Das ehemalige Sozialwerk Stukenbrock wurde 1948 auf dem Gelände der heutigen Polizeischule "Erich Klausener" errichtet. Allein das Gelände an sich ist ein Ort, der die deutsche Zeitgeschichte vom 2. Weltkrieg bis in die 70er Jahre hinein dokumentiert.


Kriegsgefangenenlager Stalag 326 (IV K) Senne (1941-1945)

Zwischen 1941 und 1945 befand sich auf dem Gelände das Kriegsgefangenenlager Stalag 326 (VI K) Senne. Nachweislich 300.000 Menschen, vorwiegend sowjetische, aber auch französische, belgische, polnische und serbische Kriegsgefangene sowie italienische Militärinternierte, wurden hier unter schwierigsten Lebensbedingungen untergebracht. Auf dem Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter in Stukenbrock-Senne sind nach Angaben der befreiten sowjetischen Kriegsgefangenen 65.000 während dieser Zeit Gestorbener in Massengräbern bestattet.


Internierungslager Eselsheide (01.10.1946 - 31.12.1947)

Nach der Befreiung des Lagers am 2. April 1945 von amerikanischen Truppen bestand auf dem Gelände vom 01.10.1946 bis zum 31.12.1947 das Internierungslager Eselsheide für deutsche Kriegsgefangene und Kriegsverbrecher. Nachweislich 8.885 deutsche Kriegsgefangene und verdächtigte Kriegsverbrecher wurden im britischen Civil Internment Camp 7 (CIC 7) interniert und warteten hier auf ihre Gerichtsverfahren.


Sozialwerk Stukenbrock (01.01.1948 - 01.04.1972)

Als Reaktion auf den anhaltenden Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen im Nachkriegsdeutschland erhielt das Sozialwerk Stukenbrock zum 01.01.1948 offiziell Einzug auf das Gelände. Mit der Gründung des Sozialwerkes reagierten die britischen Behörden und die Landesregierung auf die sich immer weiter verstärkende Wohnungsnot in Folge des 2. Weltkrieges.

Insgesamt durchliefen 100.000 bis 150.000 Menschen das Sozialwerk. Die ersten Flüchtlinge kamen aus den ehemals deutschen Ostgebieten und aus Dänemark. Eine Besonderheit des Sozialwerkes lag darin, dass vor allem besonders hilfs- und pflegebedürftige Personen aufgenommen werden sollten. Ende der 50er Jahre und mit dem Mauerbau im Jahr 1961 veränderte sich der Kreis der aufgenommenen Menschen im Sozialwerk. Nicht mehr die Flüchtlingen der unmittelbaren Nachkriegszeit und aus der DDR, sondern Aussiedler fanden hier nun eine vorläufige Unterkunft. Die sich verändernde regionale und soziale Herkunft der Flüchtlinge stellte sowohl das Sozialwerk als auch die Region vor neue Herausforderungen. Trotz ihrer deutschen Wurzeln wurde es schwieriger, die Aussiedler in die bundesdeutsche Gesellschaft zu integrieren. Insbesondere bei jugendlichen Aussiedlern führten beispielsweise die fehlenden deutschen Sprachkenntnisse zu Integrationsschwierigkeiten.

 

Postkarte Sozialwerk Stukenbrock mit Springbrunnen, Einkaufszentrum, katholischer Kirche und Häusern, 1945-1970. Verlag: Foto-Altemeyer, Hövelhof i.W.

Im Laufe seiner Existenz entwickelte sich das Sozialwerk Stukenbrock immer weiter zu einer eigenen kleinen Stadt. Es entstanden Pflege- und Bildungseinrichtungen,  Einkaufsmöglichkeiten sowie medizinische, bürokratische und kirchliche Infrastrukturen, die das alltägliche Leben im Sozialwerk erleichterten.

Ein einzigartiges Organisationsmerkmal des Sozialwerkes war, dass die Organisation zwar an das nordrhein-westfälische Sozialministerium gebunden war, der Betreuungsalltag und viele Entscheidungen vor Ort jedoch karitativen und kirchlichen Organisationen überlassen wurde. Zu den im Sozialwerk tätigen Organisationen zählten das Evangelische Johanneswerk, die katholische Caritas, die Arbeiterwohlfahrt, das Deutsche Rote Kreuz und der Westfälische Blindenverein.


Postkarte Sozialwerk Stukenbrock mit Kinderspielplatz, Haus Brandenburg, A.W.O und Förderschule, 1945-1970. Verlag: Foto-Altemeyer, Hövelhof i.W.


Ab Mitte der 1960er Jahre sank die Zahl der Flüchtlinge im Sozialwerk immer weiter ab. Aufgrund der Unterbelegung konnten bald die Kosten für Personal und Verwaltung des Lagers nicht mehr getragen werden, sodass eine Nutzungsalternative für das Gelände gefunden werden musste. Zum April 1970 übernahm schließlich die Polizeischule „Erich Klausener“, die bereits seit 1966 im Sozialwerk ansässig war, das Gelände. Die letzten Bewohner des Sozialwerkes, welches damit offiziell bis 1970 bestand, verließen jedoch erst einige Jahre später das Gelände.